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Streifzug durch die Mode im 18. Jahrhundert



Der Name "Rokoko" geht zurück auf das französische Wort Rocaille für Geröll, was dann auf das asymmetrische Muschelwerk übertragen wurde, das für die Epoche so typisch ist. Mit dem Tod Ludwigs des XIV. wurde das letzte große Kapitel der höfischen Mode eingeläutet., das mit der sogenannten Régence, der Regentschaft von Phillipp II von Orleans für den minderjährigen Ludwig XV, seinen Auftakt nahm. Ein Gefühl der Befreiung machte sich breit, denn ohne König gab es keinen Hof, kein Hofzeremoniell, und keine Pflicht, gelangweilt am Hof herumzuhängen, nur für den Fall, dass der König etwas von einem wollte. Der Adel verließ Versailles und zog sich in die Stadtschlösser von Paris zurück. Dort spielte sich das gesellschaftliche Leben vornehmlich in den Salons gebildeter Damen ab, in denen sich die Intellektuellen zu literarischer, politischer, philosophischer oder naturwissenschaftlicher Diskussion zusammenfanden. Hier wurde die Aufklärung ausgebrütet. Aber auch Galanterie und erotische Tändelei wurden in den Salons gepflegt. In ihrem Dienst wurden Gang, Gebärden und gesellschaftliches Verhalten unerhört verfeinert, immer gezierter und - aus heutiger Sicht - affektierter. Und natürlich stand auch die Mode im Dienst des Spiels der Liebe. Die Kleidung der Dame war geprägt vom Reifrock, der um 1720 aufkam und wegen seiner Ähnlichkeit mit Hühnerkörben Panier genannt wurde. Im Lauf der Jahrzehnte änderte sich seine Form von kegel- über kuppel- und trapezförmig hin zu eckig und dann zur ovalen Kuppel. Darüber wurde ein Rock getragen, die Jupe, und darüber wieder die Robe, wie das spätbarocke Manteau ein mantelartiges Gewand, das vorne offen war. Die Lücke wurde oben mit einem reich verzierten Stecker gefüllt, der das Korsett verdeckte; unten ließ man die Jupe sehen. Die Ärmel waren ellbogenlang und endeten in flügeligen Aufschlägen, später (etwa ab 1750) auch in Volants. An Ausschnitt und Ellenbogen wurden Spitzenverzierungen des Unterhemdes sichtbar. Als Robe war in Frankreich war die Contouche oder französische Robe beliebt, deren "Watteaufalten" wunderbar elegant am Rücken herabfielen, in England vor allem die Mantua oder englische Robe, eine Weiterentwicklung des Manteau mit fest angenähten Rückenfalten. Zunächst scheinen die Damen nur selten Perücken getragen zu haben. Sie ließen sich ihr eigenes Haar pudern, aufstecken und mit einem Häubchen, Schleifen, Juwelen oder Blumen verzieren. Auch das Schminken, der Gebrauch von Schönheitspflästerchen und Parfüm und kleinteilige Verzierungen auf den Kleidern waren zunächst noch eher zurückhaltend und nahmen erst im Verlauf des Jahrhunderts zu. An Stoffen bevorzugte man leichte Seidentafte, Faille und Damast in zumeist hellen, pastelligen Tönen. Selbst kräftigere Farben durften nicht zu leuchtend sein. Am Anfang waren großfigurige Blumenmuster beliebt, später wurden die Muster kleiner und gegen Ende der Epoche gern mit Streifen kombiniert. Die Männermode machte keine großartigen Wandlungen durch. Bis zur Französischen Revolution wurde das Justaucorps mit Weste und Kniehosen getragen. Die Rockschöße wurden bis um 1740 immer weiter, dann wieder kleiner und schließlich, ab 1760, vorn leicht schräg weggeschnitten. Die Weste darunter wurde allmählich kürzer, bis nur noch zur Hüfte reichte. An den Handgelenken und auf der Brust ließ man den Spitzenbesatz des Hemdes sehen, dazu trug man die cravate, eine Art Stehkragen. Die Perücke blieb das ganze Jahrhundert hindurch unverzichtbar für einen echten Herrn. Die lange Lockenpracht der Allonge wurde jedoch abgelöst von kürzeren Formen, deren beliebteste hinten einen schwarzen Haarbeutel und nur seitlich Locken hatte. Später kam die Zopfperücke hinzu. Da ein Hut die Perücke durcheinandergebracht hätte, wurde der Dreispitz oft nur noch in der Hand gehalten, aber ganz verzichten wollte man auf ihn nicht. Im späten Rokoko, etwa gleichzusetzen mit der Regierungszeit Ludwig XVI, läßt die Mode eine Neigung zur Übertreibung erkennen. Die Frisuren waren so hoch und kompliziert, daß nun auch die Damen schon allein der Bequemlichkeit halber zu Perücken griffen. Diese wurden dann über Drahtgestellen drapiert und mit Perlen, Blumen, Federn und anderem Zierat beladen. Dazu wurde eine neue Gewandform getragen, die Polonaise: Die Robe wurde hinten hochgerafft und durch ein Polster gestützt, was ein übergroßes Hinterteil bewirkte, Cul de Paris genannt. Die Jupe war oft nur noch knöchellang. Nun kamen auch bedruckte, oft dunkelgrundige Baumwollstoffe in Mode. Das ganze 18. Jahrhundert hindurch war das Bürgertum immer selbstbewusster geworden. Allmählich drangen die reicheren und gebildeteren unter ihnen in die Domänen des Adels ein, ahmten diesen nach und führten selbst Salons, in denen mitunter auch die größten Köpfe der Zeit verkehrten. Auch die hochverehrten Literaten und Wissenschaftler waren ja sehr oft Bürgerliche. In England hatte diese Entwicklung schon früh eingesetzt, und da der dortige Adel von Haus aus eine Vorliebe für das Einfache und Ländliche hatte, näherten sich beide Klassen in gesellschaftlicher und modischer Hinsicht allmählich (und friedlich) einander an. Auf dem Kontinent hingegen gab der Adel erst wenige Jahre vor der Französischen Revolution (zu) langsam den Versuch auf, den Klassengegensatz durch immer größere Übertreibung von Pracht und Affektiertheit manifestieren zu wollen, und übernahm ab 1780 mit der englischen Mode mehr bürgerliche, einfache Elemente in die Kleidung. Reifröcke wurden durch Pölsterchen ersetzt, die französische durch die einfachere englische Robe, hohe Perücken durch Wuschelköpfe. In Deutschland etablierte sich die auf englischem Vorbild basierende sogenannte "Werthertracht". Doch all das nützte nichts, solange in jeder anderen Hinsicht das Prassen und Prahlen weiterging, während es den unteren Schichten immer schlechter ging, und so bereitete die Französische Revolution 1789 der lebenslustigen und dekadenten Ära des Rokoko ein jähes Ende.

Streifzug durch die Mode im 19. Jahrhundert



Empire

In Frankreich brachte die Revolution 1789 einen so plötzlichen Modewandel mit sich, wie man ihn noch nie gesehen hatte. Während der frühen 90er Jahre, in der Zeit des des Großen Terrors war alles verpönt, was an die Mode des Adels im Ancien Régime erinnerte. Wer sich mit gepuderter Perücke sehen ließ, riskierte, daß diese gewaltsam entfernt wurde - manchmal auch mitsamt dem Kopf. Die markanteste Ausprägung des revolutionierenden Bürgertums waren die Sansculottes, was übersetzt "ohne Kniebundhose" heißt. Sie kleideten sich bewußt abgerissen im Arbeiter- und Bauernstil: kurze Jacken und lange Hosen, die vorher nur bei Matrosen gesehen worden waren. Dies war das erste Mal seit altgermanischer Zeit, daß lange Hosen getragen wurden. Auch die Holzschuhe waren der Tracht der untersten Klassen entlehnt; die rote Jakobinermütze der der Galeerensklaven. Die Frauen vom Schlag der Sansculottes kleideten sich entsprechend. Weniger revolutionäre Geister führten im Grunde die Entwicklungen der vorangegangenen Jahre fort: Englische Mode wurde noch stärker übernommen, was auch daran lag, daß die französischen Modezeitschriften, die vor allem dem Adel gedient hatten, nicht mehr erschienen, so daß man auf englische auswich. Als Sinnbild des 3. Standes (also des Bürgertums) galt zu dieser Zeit der einfache schwarze Tuchrock, der nun, gemäß der anbrechenden politischen Situation, sogar zum Ehrenkleid deklariert wurde. Er wurde zum wichtigsten Kleidungsstück der Männer, und wurde mit Schärpen, Kokarden und Schleifen in den Nationalfarben rot-weiß-blau verziert. Gerne trug man auch einen blauen Rock mit roten Aufschlägen über einer weißen Weste. Die Frauen glichen ihre Kleidung der der Männer an - zwar trugen sie noch immer bodenlange Röcke, aber am Oberkörper prangten Westen, Jacken mit Revers und die sehr beliebte Rédingote, ein Mantel mit doppeltem oder dreifachem Revers, der dem englischen riding-coat entlehnt war. Andere Länder, in denen weiter unangefochten die Monarchie herrschte, folgten diesen Entwicklungen natürlich nur zum Teil. Auch hier blieben die französischen Modejournale aus, auch hier erfolgte eine Hinwendung zur englischen Mode, aber der Übergang war bruchlos und fließend. Nach einigen Jahren hatten die Franzosen genug von der Herrschaft der Guillotine. Sie hatten eine weitgehend demokratische Regierungsform entwickelt, an deren Spitze das Direktorium stand, und mit ihm begann die Ära des Directoire. Auf der Suche nach Vorbildern für neue demokratische Kultur wandte man sich der griechisch-römischen Antike zu und führte in der Kunst, Architektur und natürlich in der Mode Formen ein, die an antiken Vorbildern orientiert waren. In der Kleidung der Frauen spiegelte sich dies am stärksten wider: einfache, teils durchsichtige und ärmellose oder kurzärmelige Gewänder aus weißem Musselin, dem griechischen Chiton ähnlich, absatzlose, mit Bändern um die Waden geschnürte Schuhe und mit Bändern umwickelte Hochsteckfrisuren, wie man sie auf griechischen Vasen sah. Der Körper wurde von allen verformenden Hilfsmitteln, also v.a. Korsett und Reifrock oder Polstern, befreit. Das Decolleté wanderte bei den Mutigen so weit nach unten, daß um ein Haar der Busen herausfiel. Am auffallendsten aber ist die Verlegung der Taille gleich unter die Brust. Auch die Männer trugen die Taille hoch, indem der Hosenbund bis weit über den Bauch reichte. Die langen Röhrenhosen hatten sich doch noch nicht durchgesetzt; die Hosen waren eng und verschwanden in wadenhohen Stiefeln. Der hohe Hosenbund wurde noch dadurch betont, daß die Jacke vorn weggeschnitten wurde - ein Vorform des heutigen Fracks. Der hochstehende Kragen, der sich schon in den 1770ern herausgebildet hatte, reichte nun bis an die Ohren und wurde in seinem Bemühen, den Hals zu erwürgen, von einer übergroßen, hohen Krawatte fleißig unterstützt. Wenige Jahre später (1804) wiederum ließ sich ein (in zweierlei Hinsicht) kleiner korsischer Soldat der Revolutionsarmee zum Kaiser krönen. Damit wurde Frankreich zum Kaiserreich - zum Empire, das sich in Fortführung der klassischen Ideale am römischen Reich orientierte. In der Form blieb die Mode weitgehend unverändert: hohe Taillen bei Frauen und Männern. Aber die Qualität änderte sich von demokratisch-schlicht zu imperial-prunkhaft. Die leichten, hellen Stoffe wurden nach und nach durch schwere und steife in leuchtenden Farben ersetzt. Samt und reiche Stickerei kamen wieder in Mode. Ab etwa 1820 wurden die Gewänder steifer, der Übergang zum Biedermeier bahnte sich an. Die Röcke der Damen wurden etwas kürzer und entwickelten sich zu einer kegeligen A-Silhouette, die Halsausschnitte wanderten immer höher Hinauf. Auch an den Armen hatte die Freizügigkeit ein Ende: Die Ärmel reichten nun bis zum Handgelenk; oben wurden sie immer weiter. Die Kragen der Männer wurden entsprechend immer steifer und höher. In Deutschland nannte man sie deshalb zurecht Vatermörder. Als neue Subkultur entwickelten sich v.a. in England die Dandies, die ihren Stolz darein setzten, besonders makellos gekleidet zu sein: Nur die feinsten Stoffe (dunkle Tuche), von den besten Schneidern zu perfektem Sitz verarbeitet, blütenweiße Hemden, elegant-zurückhaltende Accessoires. In dieser Zeit kam auch der aus Amerika importierte Zylinder auf - schon wieder eine Hommage an die Steifheit.

Biedermeier

Der Modewandel beschleunigt sich im 19. Jh. deutlich, so daß wir anfangen müssen, mehrere eigentlich recht unterschiedliche Stilepochen zusammenzufassen. Der Begriff Biedermeier bezeichnet die Epoche ab etwa 1820 bis um 1840. Wie die meisten Epochenbezeichnungen ist auch diese erst später entstanden und war ursprünglich spöttisch gemeint. Nach den Wirren der napoleonischen Kriege hatte man erst einmal genug von Revolution und zog sich in die brave, friedliche Bürgerlichkeit zurück. Familienleben und häusliches Idyll waren die Ideale der Zeit. Die einsetzende Industrialisierung brachte es mit sich, daß wieder eine sich deutlich abgrenzende Oberschicht entstand - diesmal aber nicht eine adlige, sondern reiches Großbürgertum, die Bourgeoisie. Die Ideale und Statussymbolik sollten bis ins 20. Jh. nachwirken. Man wollte sich von der alten Oberschicht, dem Adel, abgrenzen, indem man zeigte, daß man sein Geld erarbeitet hatte. Die Männer kleideten sich also zunehmend dunkel und schlicht, mit nur geringen Variationen im Verlauf des Jahrhunderts, um ihre Geschäftsmäßigkeit und Seriosität zu unterstreichen. Die Kniebundhose war nun vollständig aus der Mode verschwunden. Die neue Hose war eng, hatte meistens Überlänge und war daher entweder unter dem Schuh mit einem Steg zusammengefaßt oder reichte über den Fuß. Dazu gehörte der Frack, eine kunstvoll geknotete Krawatte und der Zylinder. Im versteckten Widerspruch zum "seriösen" Auftreten trugen Männer oft Korsetts. Die Frauen hingegen durften, ja sollten umso mehr Pracht entfalten, um zu zeigen, daß ihr Mann "sie sich leisten" konnte. Die Taille rutschte wieder tiefer und sollte möglichst schlank erscheinen, was durch enge Schnürung, weite Röcke und überbetonte Schultern erreicht wurde. Der horizontale, schulterfreie Ausschnitt wurde von einer breiten Spitze, der Berthe, umrahmt. Die Ärmel waren tief angesetzt und so bauschig, daß sie mitunter mit Fischbein verstärkt werden mußten. Die Frisuren sind äußerst verspielt: kunstvoll hochgesteckt mit über die Ohren hängenden Korkenzieherlocken. Der das Gesicht umrahmende Schutenhut verstellte seitlich die Sicht. Um 1840 beginnt der Vormärz (also die Zeit vor der Märzrevolution von 1848), der modisch nahezu bruchlos in die Romantik übergeht. Die Kleider die Damen wandern wieder ein Stück die Schulter hinauf, aber nur wenig. Breite V-Ausschnitte, von mehreren Reihen Falten umrahmt, sind typisch für die 40er Jahre, aber auch hochgeschlossene Kleider wurden wieder getragen. Die Röcke werden in der Taille fülliger und müssen durch mehrere Lagen Unterröcke mit Roßhaareinlagen gestützt werden. Dazu wurden dreieckige Schultertücher oder Kaschmirschals umgelegt. In dieser Zeit kam in der Männermode der Frack aus der Mode, außer für formelle Anlässe, und machte dem Gehrock Platz. Die Hose wurde etwas kürzer und war nicht mehr gar so extrem eng. In den 1850ern waren karierte Hosen "in", aber das war schon bald wieder vorbei. Während der 1850er wurde die Jacke gegenüber dem Gehrock immer populärer - eben jene Jacke, die mit geringen Variationen bis auf den heutigen Tag für Anzüge Gültigkeit hat. Der Umfang der Röcke wuchs mit der Zeit so stark an, daß es bald wieder nötig wurde, Reifen einzuziehen. Elastischer Federstahl, eine neue Erfindung, machte das teure Fischbein überflüssig und den neuen Reifrock, den man nun Krinoline nannte, auch für die Mittelschicht erschwinglich. Gleichzeitig wurde es möglich, den Rock mit Volants und allerlei Garnitur zu verzieren, ohne ihn nach unten zu ziehen. So begann die Epoche des zieratverliebten Zweiten Rokoko. Dazu gehörte auch die Entwicklung V-förmigen Zierrats auf dem Oberteil, ganz wie im Rokoko. Im Verlauf der 50er Jahre wurde die Krinoline immer weiter nach hinten ausgestellt, während sie vorn abflachte. Ihre größte Ausdehnung erreichte die Krinoline in den frühen 1860ern, und zwar vor allem nach hinten. Gegen 1870 aber wurde sie wieder kleiner und konzentrierte sich das ganze Volumen nach hinten. Es entstand die Tournüre der Gründerzeit.

und Gründerzeit

Gründerzeit oder Gründerjahre nennt man im engeren Sinn die Zeit unmittelbar nach dem deutsch-französischen Krieg 1870/71, in der die Wirtschaft boomte, die in Deutschland bisher etwas zurückgebliebene Industrialisierung machte einen Sprung nach vorn. Die Zeit war geprägt von Optimismus, Euphorie und... Angeberei. Man wollte zeigen, was man sich erarbeitet hatte. Immer noch waren es die Frauen, die durch Müßen Reichtum ihres Mannes demonstrierten, während dieser selbst eine eher unauffällige Erscheinung abgab. Offensichtlich unpraktische Kleidung unterstrich die Tatsache, daß sie keiner produktiven Tätigkeit nachgingen. So trugen sie während der frühen 70er Jahre ein Gestell aus Stahlreifen oder Rosshaar, das den hinteren Teil den Rockes bauschig abstehen ließ - die Tournüre. Der Rock hatte auch bei Alltagskleidern eine Schleppe, die bei Ballkleidern ziemlich lang werden konnte und ebenso wie das ganze Kleid über und über mit sogenannter Garnitur versehen war: Volants, Borten, Spitzen, Posamenten, Fransen.... an der Garnitur und den Draperien (kunstvoll gerafften Stoffbahnen) tobte sich bis in die 90er Jahre hinein die Phantasie der Modemacher und Schneiderinnen aus. Auch dies ein Teil der Angeberei: der Verbrauch an Stoff und Besätzen für ein einzelnes Kleid war enorm teuer. Um 1875 herum verschwand die Tournüre urplötzlich und machte einem vorn und seitlich sehr engen, hinten lang schleppenden Rock Platz. Die Oberteile wurden immer länger nach unten gezogen. Um 1880 erweckten querlaufende Rockdraperien und eng anliegende, hochgeschlossene, mehr als hüftlange Mieder den Eindruck einer sehr langen und schlanken Silhouette. Doch schon zerrt die Mode wieder in die entgegengesetzte Richtung: Die Tournüre kehrt zurück. Von 1882 bis 1885 wächst sie stetig an, beladen mit noch kunstvolleren Draperien als zuvor, dafür aber etwas zurückhaltender garniert. Überhaupt verschiebt sich der Schwerpunkt der Garnitur weg vom Rock und hin zum Oberteil. Ende der 80er geht es wieder in die andere Richtung: Die Damen sind der Tournüre schnell überdrüssig. Sie wird wieder kleiner und verschwindet allmählich, bis sich um 1888 eine neue Modelinie etabliert hat. Nun fallen die schleppenlosen Röcke glatt und wenig garniert leicht glockenförmig herab. Die scheinbar leicht nach vorn geneigte Haltung aber, die durch das überbetonte Hinterteil hervorgerufen wurde, bleibt für die Ästhetik der 90er Jahre maßgeblich und wird immer stärker betont. Parallel zu diesen unerhörten Übertreibungen des Unbequemen beginnt sich, zunächst noch ganz leise, der Widerstand zu regen. Die ersten Frauenrechtlerinnen wettern im Verein mit Medizinern gegen das Korsett als Symbol der Unfreiheit und Gefahr für die Gesundheit. Doch eine natürliche Silhouette können sich nach Jahrhunderten der Verformungshilfen nur wenige vorstellen. Das Korsett dominierte über 400 Jahre lang die weibliche Mode und ließ sich nun nicht so einfach verbannen.....

Streifzug durch die Mode im 20. Jahrhundert bis zur Belle Epoque



Belle Epoque

Im engeren Sinn bezeichnet der Begriff Belle Epoque (die "schöne Epoche) die von allgemeiner Hochstimmung geprägte Zeit am Anfang des 20. Jahrhunderts, aber stilistisch betrachtet beginnt sie schon in den 90er Jahren des 19. Jh., als einige Künstler anfingen, eine neue Formensprache zu entwickeln, die endlich mit der Stillosigkeit der vorangegangenen Jahrzehnte aufräumte: Der Jugendstil war geboren. Toulouse-Lautrec malte Bälle im Moulin Rouge, die oberen Zehntausend entdeckten den Automobilsport, Tennis und Radfahren. Um 1892 konzentriert sich die Laune der Mode auf die Ärmel. Sie werden am Oberarm stark aufgebauscht, während sie am Unterarm glatt anliegen, oder sie verjüngen sich gleichmäßig nach unten. Um 1895 herum erreichten sie ihre größte Größe, um auf 1900 zu wieder schmal zu werden. Auch diesmal sollten sie wohl, wie im Biedermeier, die schmale Taille betonen, denn um diese Zeit wurden auch die Korsetts enger geschnürt als je zuvor. Früh den fließenden Formen des Jugendstils folgend, nehmen die Röcke eine unten ausgestellte Glockenform an. Im Detail allerdings zeigt sich im Gegenzug oft eine Vorliebe für bizarre, eckige, spitze Formen in zackigen Van-Dyck-Spitzen oder auf der Vorderseite des Hutes steil nach oben ragende Vogelschwingen. Vielleicht schlägt hier die Mode der bizarren Literatur durch: In jenen Jahren entstanden neben "Dracula" noch viele weitere Werke des klassischen Horrorgenres. Bei den Männern wurden die Farben endgültig auf schwarz und weiß reduziert. Sehr populär wurden in dieser Zeit die "Vorhemden", ein gestärkter Latz unter der Weste und abknöpfbare Manschetten, die ein exklusives Hemd vortäuschen konnten. Die Krawatte wurde stetig kleiner, bis sie nur noch eine schmale Halsbinde war und schließlich die bis heute gebräuchliche Fliege entstand. Die Jahrhundertwende brachte einen deutlichen Stimmungsaufschwung, getragen vom kolonialen Reichtum, Fortschrittsglauben, und vielleicht auch vom soeben überstandenen vermeintlichen Weltuntergang. Ja, auch damals verkündeten falsche Propheten, daß mit der Jahrhundertwende die Welt untergehen würde. Schon im vorigen Jahrzent hatte sich eine neue Ästhetik in der Damenmode entwickelt: Eine leicht vorgeneigte Haltung mit gerader Front von der Brust bis zur Fußspitze. Zur Unterstützung dienten neuartige, weit nach unten reichende Korsetts, die den Bauch wegdrückten. Erstaunlicherweise waren sie noch ungesünder als die besonders eng geschnürten Modelle der Jahrzente davor. Die gerade Front behinderte das Gehen und Sitzen. Die Röcke blieben glockig, entwickelten aber wieder Schleppen. Die volantbesetzten seidenen Unterröcke, die diese Form stützten, sorgten für das unentbehrliche frou-frou, das erotische Rascheln. Der Jugendstil sorgte für die Ornamente, die in Applikation oder Schnurstickerei am besten zu Geltung kamen Immer mehr setzte sich, von Künstlern und Suffragetten und nicht zuletzt von der wachsenden Beliebtheit des Sports gefördert, die Reformbewegung immer mehr durch. Diese propagierte aus gesundheitlichen und ästhetischen Gründen korsettlose Kleidung. Zunächst war das dem allgemeinen Publikum nur in Form von Hauskleidern im Empirestil, also mit hoher Taille, näherzubringen. Für die Straße und gesellschaftliche Anlässe war Reformkleiung immer noch undenkbar. Die ersten Entwürfe reformierter Kleidung waren aber auch zu sackartig! Doch nach und nach wurden die Korsetts weniger steif, die Haltung weniger vorgeneigt. Der "Titanicstil" bricht sich Bahn. Um 1910 wurden die Röcke schmaler, ja sie wurden so schmal, daß man darin keinen vernünftigen Schritt tun konnte: 1911 war das Jahr des "Humpelrockes". Doch das ließ schon im folgenden Jahr wieder nach. Im Versuch, einen Teil der politischen und Wirtschaftlichen Macht zu reklamieren, nähert sich die Damenmode rasant männlichen Linien an. Die Damen erobern Jacketts mit breiten Revers und Krawatten. Ganz unmännlich aber sind die riesenhaften Hüte, die auf den Köpfen sitzen.
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